Aachener Modell: Gewaltprävention systematisch nach Gefährdungsstufen organisieren
Gewalt am Arbeitsplatz ist kein Randphänomen. Nach Angaben der DGUV ist etwa jeder 60. meldepflichtige Arbeitsunfall auf Gewalt zurückzuführen. Allein 2022 wurden den Unfallkassen mehr als 13.000 Arbeitsunfälle durch Gewalt, Bedrohungen oder vergleichbare Ereignisse gemeldet. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, weil insbesondere verbale und psychische Gewalt häufig nicht gemeldet wird. (Haufe.de News und Fachwissen)
Dabei umfasst Gewalt deutlich mehr als körperliche Angriffe. Auch Beleidigungen, Bedrohungen, Mobbing und andere Formen psychischer Gewalt können erhebliche gesundheitliche Folgen haben. Solche Vorfälle wirken sich zudem auf das gesamte Unternehmen aus: Motivation, Zusammenarbeit und Betriebsklima können leiden und damit mittelbar auch Leistungsfähigkeit und Unternehmenserfolg. (Haufe.de News und Fachwissen)
Eine zentrale Voraussetzung wirksamer Prävention ist deshalb die Unternehmenskultur. Arbeitgeber und Führungskräfte müssen eindeutig vermitteln, dass Gewalt gegen Beschäftigte oder unter Beschäftigten nicht akzeptiert wird. Gewaltprävention ist nach Darstellung des Artikels eine Führungsaufgabe. Sanktionen allein reichen jedoch nicht aus. Mindestens ebenso wichtig sind ein wertschätzender Umgang, offene Kommunikation und klare Verfahren für den Umgang mit Vorfällen. (Haufe.de News und Fachwissen)
Besonders gefährdet sind Arbeitsplätze mit regelmäßigem Publikumsverkehr, insbesondere im öffentlichen Dienst. Eine vom DGB beauftragte Forsa-Befragung aus dem Jahr 2025 zeigt das Ausmaß: Jeder zweite Beschäftigte im öffentlichen Dienst gab an, bereits bei seiner Arbeit behindert, beschimpft oder tätlich angegriffen worden zu sein. 84 Prozent empfanden den gesellschaftlichen Umgang als rücksichtsloser und brutaler als früher. 38 Prozent hatten bereits mit digitaler Gewalt im beruflichen Umfeld zu tun, 13 Prozent waren selbst davon betroffen. (Haufe.de News und Fachwissen)
Das Aachener Modell
Das von der Unfallkasse NRW gemeinsam mit dem Polizeipräsidium Aachen entwickelte Aachener Modell bietet Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen einen strukturierten Ansatz für die Gewaltprävention. Leitgedanke ist eine klare „Null Toleranz gegenüber Gewalthandlungen“. Das Konzept wurde auch zu einer Grundlage für das Gewaltpräventionsverständnis der DGUV. (Haufe.de News und Fachwissen)
Kern des Modells ist eine strukturierte Gefährdungsanalyse. Arbeitsplätze beziehungsweise mögliche Gewaltsituationen werden anhand von vier Gefährdungsstufen eingeordnet – von einem niedrigen bis zu einem hohen Risiko. Aus der jeweiligen Einstufung werden anschließend passende organisatorische, personelle oder technische Sicherheitsmaßnahmen abgeleitet. (Haufe.de News und Fachwissen)
Wichtig ist, dass diese Stufen nicht als starre Grenzen verstanden werden. Die Übergänge können fließend sein. Deshalb empfiehlt das Modell, bei der Prävention grundsätzlich auch die nächsthöhere Eskalationsstufe mitzudenken. Ein zunächst verbaler Konflikt kann beispielsweise eskalieren, sodass Schutz- und Interventionsmaßnahmen nicht erst geplant werden dürfen, wenn die Situation bereits außer Kontrolle geraten ist. (Haufe.de News und Fachwissen)
Für die betriebliche Praxis bedeutet das: Gewaltprävention sollte Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung und des betrieblichen Arbeitsschutzes sein. Dabei müssen nicht nur körperliche Angriffe, sondern auch psychische und digitale Formen von Gewalt betrachtet werden. Besonders wichtig sind Arbeitsplätze mit Kunden-, Patienten-, Bürger- oder sonstigem Publikumsverkehr. (Haufe.de News und Fachwissen)
Auf den Punkt gebracht: Das Aachener Modell macht Gewaltprävention planbar, indem Risiken systematisch bewertet und geeignete Schutzmaßnahmen an vier Gefährdungsstufen gekoppelt werden. Entscheidend ist dabei nicht erst die Reaktion auf einen Angriff. Unternehmen brauchen eine klare Null-Toleranz-Haltung, eine entsprechende Gefährdungsbeurteilung und eine Unternehmenskultur, in der Vorfälle frühzeitig angesprochen, gemeldet und konsequent bearbeitet werden. Gewaltprävention ist damit Führungs- und Arbeitsschutzaufgabe zugleich. (Haufe.de News und Fachwissen)
