Energiewende und Recycling: Arbeitsschutz muss schon beim Aufbau neuer Kreislaufprozesse mitgedacht werden
Der ASU-Beitrag greift eine zentrale Herausforderung der Energiewende auf: Der Ausbau von Photovoltaik, Windenergie, Batteriespeichern und Elektromobilität erhöht nicht nur den Bedarf an Rohstoffen, sondern erzeugt künftig auch große Mengen an Altanlagen und Komponenten, die zurückgebaut, zerlegt und recycelt werden müssen. Die BAuA warnt deshalb davor, Recycling ausschließlich als Umwelt- und Ressourcenthema zu betrachten. Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten müssen bereits bei der Entwicklung der neuen Verfahren und Anlagen berücksichtigt werden. BAUA
Neue Recyclingindustrie entsteht – damit auch neue Expositionen
Mit der Transformation zur Kreislaufwirtschaft entstehen beziehungsweise wachsen Arbeitsbereiche für die Demontage, Aufbereitung und Rückgewinnung von Sekundärrohstoffen. Dazu gehören insbesondere Lithium-Ionen-Batterien, Elektroschrott, Solarmodule und Rotorblätter von Windenergieanlagen. Für einige dieser Tätigkeiten bestehen bereits bekannte Gefährdungen, andere sind noch nicht ausreichend erforscht. DGUV forum
Gerade bei neuen Materialien und Verbundwerkstoffen kann sich erst beim Zerkleinern, thermischen Behandeln oder chemischen Aufbereiten zeigen, welchen Stoffen Beschäftigte tatsächlich ausgesetzt sind. Die BAuA nennt deshalb ausdrücklich die Gefahrstoffexposition beim künftigen Recycling von Solarpaneelen und Rotorblättern als Bereich mit weiterem Forschungsbedarf. DGUV forum
Batterierecycling wird zu einem besonderen Schwerpunkt
Besondere Aufmerksamkeit gilt lithiumbasierten Batterien aus Elektrofahrzeugen und Energiespeichern. Hier können mehrere Gefährdungen zusammentreffen: elektrische Restenergien, Brand- und Explosionsrisiken sowie Expositionen gegenüber Metall- und Elektrolytbestandteilen.
Die BAuA führt aktuell ein eigenes Forschungsprojekt zur Ermittlung der Gefahrstoffbelastungen beim Recycling lithiumbasierter E-Auto-Batterien durch. Ziel ist es, reale Arbeitsplatzexpositionen zu erfassen und daraus belastbarere Grundlagen für Gefährdungsbeurteilung und Schutzmaßnahmen zu entwickeln. BAUA
Das ist besonders relevant, weil für die Energiewende wichtige Stoffe wie Kobalt-, Nickel- und Lithiumverbindungen zugleich gesundheitlich problematische Eigenschaften besitzen können. Die Kreislaufwirtschaft soll diese Rohstoffe zurückgewinnen – der Rückgewinnungsprozess darf aber nicht dazu führen, dass Beschäftigte erhöhten Expositionen ausgesetzt werden. BAUA
Rotorblätter stellen beim Recycling besondere Anforderungen
Rotorblätter von Windenergieanlagen bestehen überwiegend aus glasfaserverstärkten Kunststoffen, teilweise auch aus kohlenstofffaserverstärkten Materialien. Gerade beim Sägen, Zerkleinern und Aufbereiten können Stäube und Faserfragmente entstehen.
Die DGUV weist darauf hin, dass insbesondere kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe sowohl bei der Herstellung als auch bei der Entsorgung Expositionsrisiken verursachen können. Das Recycling von Rotorblättern gilt deshalb als ein Bereich, bei dem der Arbeitsschutz von Beginn an in die Entwicklung geeigneter Verfahren einbezogen werden sollte. DGUV forum
Photovoltaik: Heute installieren, morgen sicher zurückbauen
Ähnliches gilt für Solaranlagen. Der massive Ausbau bedeutet zwangsläufig, dass künftig große Mengen älterer Module demontiert und verwertet werden müssen.
Dabei geht es nicht nur um Glas und Aluminium. Solarmodule enthalten unterschiedliche Halbleiter, Metalle, Kunststoffe und Beschichtungen. Welche Gefährdungen beim Zerlegen, Brechen, Mahlen oder thermischen beziehungsweise chemischen Aufbereiten entstehen, hängt stark von Modultyp, Baujahr und Recyclingverfahren ab. Die DGUV zählt deshalb Gefahrstoffexpositionen beim Recycling von Solarpaneelen ausdrücklich zu den noch genauer zu beobachtenden Feldern. DGUV forum
Das Grundproblem: Bekannte Gefahren wandern in neue Branchen
Eine wichtige Aussage der DGUV lautet, dass viele Gefährdungen der Energiewende an sich nicht neu sind. Elektrische Gefahren, Absturzrisiken, Gefahrstoffe, Lärm, Brand- und Explosionsgefahren oder körperliche Belastungen sind aus anderen Branchen seit langem bekannt.
Neu ist jedoch, wo diese Gefahren auftreten und wer ihnen ausgesetzt ist. Technologien und Tätigkeiten verlagern sich in neue Unternehmen und Berufsgruppen, in denen das entsprechende Sicherheitswissen möglicherweise noch nicht vorhanden ist. Deshalb wird der Wissenstransfer zwischen Branchen zu einem zentralen Präventionsthema. DGUV forum
Beschäftigte benötigen unter Umständen Kenntnisse und Schutzverfahren, die in ihrer ursprünglichen Berufsausbildung nicht oder nur teilweise vermittelt wurden. Weiterbildung und Qualifizierung sind daher ein wesentlicher Bestandteil des Arbeitsschutzes in der grünen Transformation.
Fachkräftemangel verschärft das Problem
Die Energiewende findet gleichzeitig unter erheblichem Zeit- und Umsetzungsdruck statt. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Dadurch steigt das Risiko, dass Beschäftigte Aufgaben übernehmen, für die ihnen zumindest teilweise die erforderliche Erfahrung oder Fachkunde fehlt. DGUV forum
Zeitdruck, Arbeitsverdichtung und Mehrarbeit erhöhen zudem nicht nur das Unfallrisiko, sondern auch die psychischen und körperlichen Belastungen. Der Arbeitsschutz der Energiewende umfasst deshalb deutlich mehr als Gefahrstoffe und technische Sicherheit. Auch Qualifikation, Arbeitsorganisation und psychische Gesundheit werden wichtiger. DGUV forum
Große Chance: Sicherheit kann diesmal von Anfang an eingebaut werden
Der vielleicht wichtigste Punkt des Beitrags ist zugleich eine Chance. Viele Recyclingstrukturen für Batterien, Windenergie- und PV-Anlagen befinden sich noch im Aufbau. Damit kann der Arbeitsschutz bereits während der Entwicklung neuer Prozesse, Maschinen und Anlagen integriert werden, anstatt später bestehende gefährliche Verfahren nachträglich korrigieren zu müssen. DGUV
Die BAuA formuliert dieses Prinzip besonders deutlich: Neue Arbeitsplätze in Reparatur und Recycling sollten möglichst von vornherein sicher gestaltet werden, weil eine nachträgliche Anpassung des Arbeitsschutzes häufig weniger wirksam und teurer ist. BAUA
Das entspricht dem klassischen Präventionsgedanken: Prozesse sollten möglichst so entwickelt werden, dass gefährliche Stoffe gekapselt, automatisiert verarbeitet oder gar nicht erst freigesetzt werden. Persönliche Schutzausrüstung sollte nicht die erste oder einzige Schutzbarriere sein.
Kreislaufwirtschaft ist damit auch ein HSSEQ-Thema
Die Entwicklung zeigt sehr deutlich die Verbindung von Sustainability und Arbeitsschutz. Aus ökologischer Sicht ist es sinnvoll, Lithium, Nickel, Kobalt, Glas, Metalle und Verbundwerkstoffe möglichst vollständig zurückzugewinnen. Aus Arbeitsschutzsicht muss gleichzeitig gewährleistet sein, dass diese Rückgewinnung nicht auf Kosten der Beschäftigten erfolgt.
Genau hier können Zielkonflikte entstehen: Ein Recyclingverfahren kann ökologisch vorteilhaft sein, gleichzeitig aber hohe Staub-, Gefahrstoff- oder Brandexpositionen erzeugen. Nachhaltigkeit muss deshalb nach dem Verständnis der BAuA auch bedeuten, dass die Arbeit innerhalb der Kreislaufwirtschaft sicher und gesund gestaltet ist. BAUA
Auf den Punkt gebracht: Die Energiewende endet arbeitsschutztechnisch nicht bei Installation und Betrieb von Windrädern, Solaranlagen und Batterien. Mit zunehmenden Mengen ausgedienter Anlagen entsteht eine neue Recyclingindustrie mit teilweise neuen oder bislang wenig untersuchten Gefährdungen. Besonders relevant sind Gefahrstoffe beim Batterie-, PV- und Rotorblattrecycling sowie Brand-, Explosions- und elektrische Risiken. Die große Chance besteht darin, diese neue Industrie von Anfang an sicher zu gestalten: durch Forschung zu realen Expositionen, sichere Verfahren und Anlagen, branchenübergreifenden Wissenstransfer und ausreichende Qualifikation. Damit wird deutlich: Eine Energiewende ist nur dann wirklich nachhaltig, wenn auch die Menschen geschützt werden, die ihre Materialien zurückgewinnen und in den Kreislauf zurückführen. BAUA
Einordnung: Die verlinkte ASU-Seite ließ sich technisch nicht direkt abrufen. Die Zusammenfassung stützt sich deshalb auf die zugrunde liegenden BAuA- und DGUV-Quellen, die genau die dort aufgegriffene Fragestellung „Energiewende, Kreislaufwirtschaft und Arbeitsschutz beim Recycling“ behandeln.
