Mehrfachbelastungen erhöhen den Wunsch nach früherem Ruhestand – besonders psychosoziale Anforderungen wirken zusammen
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) untersucht in ihrer Pressemitteilung Nr. 28/26, wie Arbeitsbedingungen mit dem Wunsch älterer Beschäftigter zusammenhängen, vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Die zentrale Erkenntnis: Nicht nur einzelne Belastungen sind relevant. Vor allem das gleichzeitige Auftreten mehrerer psychosozialer Arbeitsanforderungen steht mit einem stärkeren Wunsch nach vorzeitigem Ruhestand in Zusammenhang. Arbeit und Arbeitsrecht
Fünf Befragungswellen mit mehr als 32.000 Beobachtungen
Grundlage ist die Studie von Arthur Kaboth und Sophie-Charlotte Meyer von der BAuA, veröffentlicht 2026 im European Journal of Ageing. Ausgewertet wurden fünf Erhebungswellen der BAuA-Arbeitszeitbefragung von 2015 bis 2023 mit insgesamt 32.686 Personen-Jahr-Beobachtungen älterer abhängig Beschäftigter. Die Forschenden kombinierten Querschnittsanalysen mit Längsschnittverfahren, um nicht nur Unterschiede zwischen Personen, sondern auch Veränderungen bei denselben Beschäftigten über die Zeit zu untersuchen. Springer Nature
Dabei wurden zwei Gruppen von Arbeitsanforderungen betrachtet. Zu den körperlichen Anforderungen zählen beispielsweise ungünstige Körperhaltungen oder andere physische Belastungen. Unter den psychosozialen Anforderungen finden sich unter anderem hoher Arbeits- beziehungsweise Termindruck, emotionale Anforderungen und Rollenkonflikte. Entscheidend war, wie viele solcher Belastungen gleichzeitig häufig auftreten. Arbeit und Arbeitsrecht
Psychosoziale Mehrfachbelastungen sind besonders bedeutsam
Die Querschnittsanalysen zeigten zunächst sowohl für körperliche als auch für psychosoziale Belastungen einen Zusammenhang mit dem Wunsch nach früherem Ruhestand. Mit jeder zusätzlichen körperlichen Anforderung stieg die Wahrscheinlichkeit eines gewünschten vorzeitigen Ruhestands je nach Untersuchungsjahr beispielsweise um etwa 1,1 bis 2,1 Prozentpunkte. Bei psychosozialen Anforderungen lag der entsprechende Zusammenhang bei etwa 1,8 bis 3,3 Prozentpunkten je zusätzlicher Belastung. DOI
Noch aussagekräftiger ist jedoch die Längsschnittanalyse. Wenn zeitlich stabile persönliche Unterschiede statistisch berücksichtigt wurden, blieb vor allem der Zusammenhang zwischen zunehmenden psychosozialen Anforderungen und dem Wunsch nach früherem Ruhestand bestehen. Für körperliche Mehrfachbelastungen war dieser Zusammenhang im strengeren Fixed-Effects-Modell dagegen nicht mehr statistisch eindeutig. DOI
Das spricht dafür, dass insbesondere eine Kumulation psychosozialer Belastungen relevant sein könnte. Hoher Zeitdruck allein muss also nicht denselben Effekt haben wie eine Arbeitssituation, in der gleichzeitig Zeitdruck, emotionale Belastung, widersprüchliche Anforderungen und weitere Stressoren auftreten.
Psychosoziale Belastungen treten deutlich häufiger gemeinsam auf
Auch die Verteilung der Arbeitsanforderungen ist bemerkenswert. Rund die Hälfte der untersuchten Beschäftigten berichtete keine der erfassten körperlichen Belastungen. Bei psychosozialen Belastungen war das völlig anders: Nur 12,2 Prozent berichteten keinerlei psychosoziale Anforderung. Im Durchschnitt traten über die verschiedenen Befragungsjahre etwa 2,7 bis 3,0 psychosoziale Anforderungen gleichzeitig auf. DOI
Zudem veränderten sich die Arbeitsbedingungen bei einem erheblichen Teil der Personen im Untersuchungszeitraum. Bei 37,1 Prozent änderte sich zwischen den Befragungswellen mindestens eine der untersuchten Mehrfachbelastungsdimensionen. Dadurch konnten die Forschenden prüfen, ob eine Veränderung der Belastungen bei derselben Person auch mit einer veränderten Ruhestandspräferenz einherging. DOI
Arbeitsgestaltung wird damit auch zu einem Instrument der Fachkräftesicherung
Die Ergebnisse sind vor dem Hintergrund des demografischen Wandels besonders relevant. Unternehmen diskutieren zunehmend darüber, wie ältere Beschäftigte länger im Erwerbsleben gehalten werden können. Die Studie legt nahe, dass dafür nicht allein Gesundheitsprogramme oder ergonomische Einzelmaßnahmen ausreichen.
Bei psychosozialen Mehrfachbelastungen liegt ein wesentlicher Ansatz in der Arbeitsorganisation: realistische Arbeitsmengen, weniger dauerhafter Zeitdruck, klare Rollen und Verantwortlichkeiten, ausreichende personelle Ressourcen, Handlungsspielräume und der Umgang mit emotional belastenden Tätigkeiten. Die BAuA leitet daraus die Bedeutung einer alters- und alternsgerechten Arbeitsgestaltung ab. Arbeit und Arbeitsrecht
Interessant ist dabei die Perspektive über den gesamten Erwerbsverlauf. Arbeitsfähigkeit im Alter entsteht nicht erst kurz vor dem Rentenbeginn. Belastungen können sich über viele Jahre kumulieren. Die Autoren sprechen deshalb ausdrücklich für eine Lebensverlaufsperspektive und nachhaltige Arbeitsbedingungen. Springer Nature
Wunsch nach früherer Rente ist nicht dasselbe wie tatsächlicher Renteneintritt
Bei der Interpretation ist eine wichtige Grenze zu beachten: Untersucht wurde der gewünschte, nicht der tatsächliche Renteneintritt.
Menschen können sich wünschen, mit 62 oder 63 Jahren aufzuhören und dennoch deutlich länger arbeiten, weil finanzielle Möglichkeiten, gesetzliche Altersgrenzen, Rentenabschläge oder persönliche Lebensumstände einen früheren Ausstieg verhindern. Umgekehrt können gesundheitliche Ereignisse einen früheren Austritt erzwingen. Die Studie erlaubt deshalb keine Prognose darüber, wann die untersuchten Beschäftigten tatsächlich in Rente gehen werden. Arbeit und Arbeitsrecht
Auch die Größenordnung der statistischen Effekte sollte nicht überinterpretiert werden. Die Autoren selbst bezeichnen die Zusammenhänge als eher moderat. Bemerkenswert ist weniger ein einzelner großer Effekt als die Beständigkeit des Musters: Besonders mehrere gleichzeitig auftretende psychosoziale Anforderungen hängen über unterschiedliche Analysen hinweg mit einer stärkeren Präferenz für einen früheren Ausstieg zusammen. Springer Nature
Die oft zitierten „25 Prozent“ stammen nicht aus dieser BAuA-Auswertung
Die BAuA-Pressemitteilung beginnt mit dem Hinweis, dass 25 Prozent der Beschäftigten nicht glauben, unter ihren derzeitigen Arbeitsbedingungen bis zum gesetzlichen Rentenalter arbeiten zu können. Wichtig für die Einordnung: Diese 25 Prozent sind nicht das Ergebnis der hier beschriebenen BAuA-Arbeitszeitstudie, sondern stammen aus einer anderen deutschen Befragung, auf die sich die Autoren in ihrer Einleitung beziehen. PubMed Central (PMC)
Die eigene BAuA-Studie untersucht vielmehr, welche Arbeitsanforderungen mit dem Wunsch nach einem früheren Ruhestand verbunden sind.
Auf den Punkt gebracht: Für die Frage, ob ältere Beschäftigte möglichst lange im Erwerbsleben bleiben möchten, scheint nicht eine einzelne Belastung entscheidend zu sein, sondern deren Kombination. Besonders relevant sind mehrere gleichzeitig auftretende psychosoziale Anforderungen wie Zeit- und Leistungsdruck, emotionale Belastungen und Rollenkonflikte. Je mehr davon zusammenkommen, desto häufiger wünschen Beschäftigte einen vorzeitigen Ruhestand. Für Unternehmen bedeutet das: Wer ältere Fachkräfte halten will, sollte nicht erst kurz vor deren Renteneintritt mit Gesundheitsmaßnahmen beginnen. Entscheidend ist eine dauerhaft tragfähige Arbeitsgestaltung, die Mehrfachbelastungen frühzeitig erkennt und reduziert. DOI
