Klimaanpassung wird zum Arbeitsschutzthema: Hitze erhöht Unfallrisiken und verursacht Milliardenkosten
Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) macht in einem Interview mit ihrem Hauptgeschäftsführer Dr. Stephan Fasshauer deutlich, dass die Folgen des Klimawandels inzwischen unmittelbar den Arbeitsschutz betreffen. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Hitze, sondern auch Starkregen, Hochwasser, Vegetationsbrände, Allergene und neue Infektionsrisiken. Die DGUV versteht Klimaanpassung deshalb als Teil ihres gesetzlichen Präventionsauftrags und ausdrücklich nicht als eigenständige Klimapolitik. DGUV
Besonders greifbar wird die Entwicklung bei Hitze. Nach Berechnungen von Prognos im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums verursacht bereits ein einzelner Tag mit mindestens 30 °C volkswirtschaftliche Kosten von rund 431 Millionen Euro. Rund 97 Prozent davon entstehen nicht durch Krankheitsausfälle oder Unfälle, sondern durch sogenannte stille Produktivitätsverluste: Beschäftigte arbeiten weiter, sind aufgrund der Hitze aber weniger leistungsfähig. Prognos beziffert die durch hitzeinduzierte Krankheiten und Unfälle verursachten direkten Kosten auf rund 13 Millionen Euro je Hitzetag. BMAS
Ab 30 °C steigen Arbeits- und Wegeunfälle
Die DGUV sieht Hitze nicht nur als Gesundheits-, sondern ausdrücklich als Unfallrisiko. Die Zahl der heißen Tage mit mindestens 30 °C habe sich in Deutschland seit den 1950er-Jahren ungefähr verdreifacht. DGUV-Auswertungen zeigen für Temperaturen ab 30 °C im Durchschnitt rund acht Prozent mehr Arbeitsunfälle als bei einer Vergleichstemperatur zwischen 10 und unter 15 °C. Bei Wegeunfällen im Straßenverkehr liegt die Zunahme bei etwa 17 Prozent. DGUV
Die Erklärung ist plausibel: Hitze kann Konzentration, Reaktionsfähigkeit und Aufmerksamkeit beeinträchtigen und Ermüdung verstärken. Besonders relevant ist das bei Arbeiten auf Gerüsten, an Maschinen, beim Führen von Fahrzeugen oder bei schwerer körperlicher Tätigkeit. DGUV
37 Millionen Arbeitsstunden durch Hitze verloren
Fasshauer verweist außerdem darauf, dass allein 2023 schätzungsweise 37 Millionen Arbeitsstunden in Deutschland durch Hitze verloren gingen. Damit wird Klimaanpassung auch zu einer wirtschaftlichen Frage. Prävention kann nicht nur gesundheitliche Schäden vermeiden, sondern gleichzeitig Produktivität, Personalverfügbarkeit und Betriebsfähigkeit sichern. DGUV
Die DGUV argumentiert deshalb, dass Prävention nicht lediglich als Kostenfaktor verstanden werden sollte. Hitzeschutz kann einen direkten wirtschaftlichen Nutzen haben, wenn dadurch Arbeitsausfälle, Leistungseinbußen und Unfälle reduziert werden.
Nicht jede Lösung muss Klimaanlage heißen
Die DGUV plädiert ausdrücklich nicht dafür, überall dieselben Maßnahmen einzuführen. Ein Büro mit 30 °C stellt andere Anforderungen als körperliche Arbeit auf einem Dach bei derselben Temperatur.
Als vergleichsweise einfache Maßnahmen nennt Fasshauer beispielsweise Verschattung, Nachtauskühlung, die Verlagerung körperlich schwerer Tätigkeiten in kühlere Tageszeiten sowie Cooldown-Phasen. Entscheidend ist eine an Tätigkeit, Branche und Betrieb angepasste Lösung. Die DGUV sieht deshalb auch keinen Bedarf für eine vollständig neue Parallelwelt eines „Klima-Arbeitsschutzes“: Viele Instrumente des bestehenden Arbeitsschutzes könnten auf die veränderten Bedingungen angewendet werden. DGUV
Besonders belastet: Feuerwehr und andere Einsatzkräfte
Ein weiteres Schwerpunktbeispiel sind Vegetationsbrände. 2025 brannten nach Angaben der DGUV in Deutschland 2.626 Hektar Wald, mehr als dreimal so viel wie im langjährigen Durchschnitt. Feuerwehrkräfte sind dabei mehreren Belastungen gleichzeitig ausgesetzt: hoher Umgebungstemperatur, schwerer körperlicher Arbeit, isolierender Schutzkleidung sowie Brandrauch und potenziell krebserzeugenden Gefahrstoffen. DGUV
Das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV untersucht deshalb unter anderem Gefahrstoffexposition und körperliche Belastungen von Einsatzkräften; das Institut für Arbeitsschutz ergänzt diese Forschung durch Luftmessungen. Ziel ist, aus den Messdaten konkrete Präventionsmaßnahmen für Feuerwehren abzuleiten. DGUV
Klimawandel bedeutet deutlich mehr als Hitze
Der Beitrag warnt zugleich davor, Klimaanpassung auf sommerliche Temperaturen zu reduzieren. Längere Vegetationsperioden verändern beispielsweise den Pollenflug. Auch Zecken und Mücken sowie von ihnen übertragene Erkrankungen können an Bedeutung gewinnen.
Bei Starkregen und Hochwasser entstehen wiederum andere Gefährdungen: kontaminierter Schlamm, biologische Arbeitsstoffe, freigesetzte Gefahrstoffe und elektrische Gefahren. Hitze kann zusätzlich die psychische Belastung erhöhen, Schlaf verschlechtern, Konzentration reduzieren und Reizbarkeit verstärken. DGUV
Damit verändert der Klimawandel nach Auffassung der DGUV nicht eine einzelne Gefährdung, sondern ein ganzes Spektrum betrieblicher Belastungen.
Das Wissen ist vorhanden – es muss zur Routine werden
Bereits eine DGUV-Beschäftigtenbefragung aus dem Jahr 2022 zeigte erheblichen Handlungsbedarf: 62 Prozent sahen Verbesserungsbedarf beim Schutz vor Hitze in Innenräumen, knapp die Hälfte bei Arbeiten im Freien und mehr als 40 Prozent bei psychischen Belastungen und Extremwetter. DGUV
Die zentrale Herausforderung sieht Fasshauer deshalb weniger darin, völlig neue Erkenntnisse zu gewinnen, als vorhandenes Wissen breiter und systematischer in die betriebliche Praxis zu übertragen. Klimabedingte Gefährdungen sollen künftig dort selbstverständlich Bestandteil von Gefährdungsbeurteilung und Präventionsplanung werden, wo sie tatsächlich relevant sind.
Auf den Punkt gebracht: Klimaanpassung entwickelt sich zu einem festen Bestandteil des Arbeitsschutzes. Besonders Hitze zeigt bereits messbare Folgen: Ab 30 °C treten rund acht Prozent mehr Arbeitsunfälle und etwa 17 Prozent mehr Wegeunfälle auf; ein einzelner Hitzetag kostet die deutsche Wirtschaft nach Prognos rund 431 Millionen Euro. Gleichzeitig entstehen durch Waldbrände, Hochwasser, Allergene und Infektionsrisiken weitere Gefährdungen. Die DGUV fordert deshalb keine völlig neue Arbeitsschutzsystematik, sondern eine konsequentere Anwendung vorhandener Präventionsinstrumente auf die veränderten klimatischen Bedingungen. Entscheidend ist, dass Klimarisiken künftig selbstverständlich in Gefährdungsbeurteilung, Arbeitsorganisation und betriebliche Notfallplanung einfließen. DGUV
