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Boom bei Rechenzentren läutet neue Ära von Infrastrukturrisiken ein


Allianz Commercial analysiert wachsende Herausforderungen an die physische und cyber-physische Sicherheit
Urheber:in:
Allianz Commercial



Anm. d. Red.: Der zugrunde liegende Bericht stammt von Allianz Commercial, also einem Industrieversicherer. Die Schadendaten beruhen auf realen Versicherungsschäden und sind deshalb für das Risikomanagement besonders interessant; zugleich ist die Darstellung naturgemäß aus Versicherungs- und Risikotransferperspektive formuliert. Quelle: Allianz Commercial

Rechenzentren werden kritische Infrastruktur – Bau-, Brand-, Klima- und Ausfallrisiken nehmen deutlich zu

Der weltweite Ausbau von Rechenzentren entwickelt sich laut Allianz Commercial zu einem der größten Infrastruktur-Investitionszyklen der kommenden Jahre. Haupttreiber ist die stark wachsende Nutzung künstlicher Intelligenz. Die jährlichen Investitionen sollen von rund 500 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf mehr als eine Billion US-Dollar bereits 2027 steigen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Servergebäude: Stromerzeugung und Netze, Kühlung, Glasfaser, Halbleiter und weitere Infrastruktur werden Teil eines zunehmend komplexen Gesamtsystems. Allianz Commercial

Bis 2030 sollen die USA und China zusammen rund 62 Prozent der weltweit neu hinzukommenden Rechenzentrumskapazität stellen. Auch Europa wächst weiter: Deutschland ist derzeit der größte europäische Markt, während Allianz für Spanien, Finnland und Dänemark besonders dynamisches Wachstum erwartet, unter anderem wegen günstigerer Stromverfügbarkeit und Genehmigungsbedingungen. Im asiatisch-pazifischen Raum außerhalb Chinas soll die installierte Kapazität von derzeit etwa 9 GW auf mehr als 28 GW bis 2030 steigen. Allianz Commercial

Engpässe liegen zunehmend bei Strom, Fachkräften und Infrastruktur

Nach Einschätzung der Allianz ist nicht die Finanzierung der entscheidende begrenzende Faktor, sondern zunehmend die physische Umsetzbarkeit. Kritisch sind insbesondere verfügbare elektrische Leistung, Netzanschlüsse, Genehmigungen, Grundstücke, Spezialausrüstung und qualifiziertes Personal. Allein der US-Bausektor weist laut Bericht eine Fachkräftelücke von rund 439.000 Personen auf. Allianz Commercial

Hinzu kommen lange Lieferzeiten für zentrale Komponenten. Für Schaltanlagen nennt Allianz beispielsweise Lieferzeiten von bis zu 80 Wochen, für Transformatoren bis zu 50 Wochen. Solche Engpässe erhöhen nicht nur das Bau- und Terminrisiko, sondern können nach einem Schaden die Wiederherstellung erheblich verzögern und damit die Kosten einer Betriebsunterbrechung vervielfachen. Allianz Commercial

Klimaresilienz wird bereits bei der Standortwahl entscheidend

Besonders deutlich hebt der Bericht die Naturgefahren hervor. Rund 79 Prozent der weltweiten Rechenzentrumskapazität befinden sich in Gebieten mit erhöhtem Naturkatastrophenrisiko. Etwa 54 Prozent sind chronischer Hitze- oder Dürrebelastung ausgesetzt. Allianz Commercial

Regional unterscheiden sich die Risiken erheblich. In Nord- und Südamerika sind etwa 86 Prozent der Kapazität Gefahren wie Überschwemmungen, Waldbränden oder Sturm ausgesetzt. Im asiatisch-pazifischen Raum befinden sich sogar 89 Prozent der Kapazität in Gebieten mit erhöhtem Hitze- oder Dürrestress. Gerade einige besonders schnell wachsende Standorte wie Nord-Virginia, Johor in Malaysia oder Marseille gehören zugleich zu besonders klimaexponierten Regionen. Allianz Commercial

Allianz beziffert den potenziellen Wertverlust des weltweit installierten Rechenzentrumsbestands aufgrund von Klimarisiken ohne entsprechende Anpassungsmaßnahmen auf rund 388 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 38 Prozent des Anlagenwerts. Bemerkenswert ist dabei: Mehr als 90 Prozent der modellierten Betriebsunterbrechungsverluste entstehen laut Bericht nicht unmittelbar durch einen physischen Schaden am Rechenzentrum, sondern durch vorgelagerte Störungen in Liefer- und Versorgungsstrukturen. Allianz Commercial

Feuer verursacht die teuersten Schäden – Wasser die meisten

Für das Risikomanagement besonders interessant ist die Schadensanalyse von Allianz Commercial. Grundlage sind 221 Schadenfälle mit einem Gesamtwert von rund 677 Millionen Euro. Allianz Commercial

Brände treten vergleichsweise selten auf, verursachen aber die schwersten Schäden. Feuer ist für deutlich mehr als die Hälfte des untersuchten Schadenvolumens verantwortlich. Naturkatastrophen folgen als zweitwichtigster Faktor für die Schadenhöhe. Häufigster Schadenverursacher ist dagegen Wasser, gefolgt von vorsätzlichen Handlungen beziehungsweise Kriminalität und Cyberereignissen, Feuer und technischen Geräteausfällen. Allianz Commercial

Zunehmende Leistungsdichten verschärfen dabei das Brandrisiko. Hinzu kommt der verstärkte Einsatz von Lithium-Ionen-Batteriespeichern in oder in unmittelbarer Nähe von Rechenzentren. Thermal Runaway kann dabei zu schwer kontrollierbaren Bränden führen. Gleichzeitig weist Allianz darauf hin, dass selbst Feuerlöschanlagen ein eigenes Risiko für empfindliche IT-Technik darstellen können, etwa durch unbeabsichtigte Auslösung, Vibrationen, Feuchtigkeit oder Kontamination. Allianz Commercial

Kritische Phase: Test und Inbetriebnahme

Ein besonderes Risiko entsteht bereits während des Baus. Rechenzentren werden größer, mehrgeschossig und technisch dichter. Hohe Gebäudelasten, enge Bauzeiten, späte Planungsänderungen, Retrofit-Lösungen, Prototypen oder gebrauchte Komponenten, schlechte Bodenverhältnisse und unzureichende Qualitätssicherung erhöhen die Schadenwahrscheinlichkeit. Allianz Commercial

Als besonders kritisch bezeichnet Allianz die Test- und Inbetriebnahmephase. In dieser Phase werden Systeme erstmals unter realistischen Belastungen betrieben und teilweise nahe an ihre Betriebsgrenzen geführt. Verdeckte Mängel, provisorische Versorgungssysteme, Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Auftragnehmern und hoher Termindruck können dazu führen, dass kleine Fehler zu großen Schäden eskalieren. Allianz Commercial

Praxisfälle zeigen die mögliche Größenordnung: Schäden an externen Kühlsystemen, durch Heißarbeiten ausgelöste Brände oder verzögerte Inbetriebnahmen infolge von Stromstörungen führten laut Allianz bei einzelnen Hyperscale-Projekten jeweils zu Schäden von 50 bis 100 Millionen Euro. Allianz Commercial

Betriebsunterbrechung ist oftmals teurer als der Sachschaden

Das eigentliche wirtschaftliche Risiko liegt häufig nicht allein im zerstörten Gebäude oder in beschädigter Hardware. Rechenzentren sind von Stromversorgung, Kühlung, Wasserversorgung, Glasfaserverbindungen, Batterien und zahlreichen externen Dienstleistern abhängig.

Fällt ein zentraler Bestandteil aus, kann ein einzelnes Ereignis gleichzeitig Schäden in mehreren Bereichen auslösen: Sachversicherung, Bauversicherung, Betriebsunterbrechung, Haftpflicht, Cyber und Finanzrisiken. Besonders bei Hyperscale- und Colocation-Anlagen entstehen hohe Akkumulationsrisiken, weil Betreiber, verschiedene Kunden, Infrastruktur und Bauarbeiten auf einem Standort zusammenkommen. Allianz Commercial

Nach der Allianz-Analyse ist deshalb die Betriebsunterbrechung der wichtigste Treiber für hohe Schadenkosten. Ausfallzeiten können zusätzlich Vertragsstrafen, Service-Level-Verletzungen, Haftungsstreitigkeiten und Reputationsschäden verursachen. Allianz Commercial

Prävention muss bereits in der Planung beginnen

Allianz fordert deshalb ein Lebenszykluskonzept für das Risikomanagement. Schon bei der Planung sollten unter anderem räumliche Trennung, Brandabschnitte, Traglasten, vertikale Leitungswege sowie Brand- und Batteriefrüherkennung berücksichtigt werden.

Während der Bauphase sind realistische Terminpläne, konsequente Qualitätssicherung, Kontrolle temporärer Versorgungssysteme und der Schutz empfindlicher Anlagenkomponenten entscheidend. In Test und Inbetriebnahme müssen ausreichend Zeit für Fehleranalysen, klare Zuständigkeiten zwischen Auftragnehmern und eine funktionierende Sicherheitskultur vorhanden sein. Allianz Commercial

Im laufenden Betrieb nennt Allianz unter anderem präventive Instandhaltung, Komponentenmonitoring, redundante Kühlung, Leckageüberwachung, Wartung der Brandschutzsysteme und Business-Continuity-Management als zentrale Schutzmaßnahmen. Damit wird deutlich: Die Risiken von Rechenzentren sind längst ein klassisches HSSEQ-Thema, weil technische Sicherheit, Arbeitsschutz, Brandschutz, Umwelt- und Klimarisiken, Qualitätssicherung sowie organisatorische Resilienz unmittelbar ineinandergreifen. Allianz Commercial

Versicherungsmarkt wächst auf mehr als 24 Milliarden US-Dollar

Mit der zunehmenden Bedeutung der Anlagen wächst auch das Versicherungsvolumen. Der weltweite Markt für Rechenzentrumsversicherungen soll von derzeit etwa 11 Milliarden auf mehr als 24 Milliarden US-Dollar bis 2030 steigen. Bei einzelnen KI-Campusprojekten können allein die Baukosten 20 Milliarden US-Dollar überschreiten. Allianz Commercial

Versicherung wird dabei zunehmend selbst Bestandteil der Projektfinanzierung. Investoren und Kreditgeber verlangen belastbare Versicherungsprogramme für Bau und Betrieb. Der Schutz verschiebt sich entsprechend von klassischer Sachversicherung zu integrierten Programmen aus Bau-, Technik-, Sach-, Betriebsunterbrechungs-, Cyber- und Haftpflichtversicherung. Allianz Commercial

Auf den Punkt gebracht: Der KI-Boom macht Rechenzentren zu einer neuen Form kritischer Infrastruktur. Dabei entstehen nicht nur enorme Investitionschancen, sondern hochkomplexe Bau-, Brand-, Energie-, Klima-, Lieferketten- und Betriebsunterbrechungsrisiken. Besonders relevant: 79 Prozent der weltweiten Kapazität liegen bereits in Regionen mit erhöhtem Naturgefahrenrisiko, Feuer verursacht mehr als die Hälfte der untersuchten Schadenhöhe und einzelne Vorfälle können Schäden von 50 bis 100 Millionen Euro verursachen. Effektives Risikomanagement darf deshalb nicht erst im laufenden Betrieb beginnen. Standortwahl, Brandschutz, Energie- und Kühlversorgung, Qualitätssicherung, Inbetriebnahme und Business Continuity müssen bereits in der frühen Planungsphase gemeinsam betrachtet werden. Allianz Commercial



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