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Stressdiagnosen bei Berufstätigen auf Höchststand


Urheber:in:
ASU Arbeitsmedizin



Stressdiagnosen auf Höchststand: Fast 80 Prozent mehr Fehltage seit 2017

Die von ASU Arbeitsmedizin aufgegriffenen Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse zeigen einen deutlichen Anstieg stressassoziierter Arbeitsunfähigkeit. Im Jahr 2025 entfielen knapp 119 Krankentage je 100 Versichertenjahre auf akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen. 2024 waren es rund 112 Tage, 2017 erst etwa 66 Tage. Innerhalb von acht Jahren entspricht dies einem Anstieg von fast 80 Prozent. KKH

Hinter dem Begriff „Stressdiagnosen“ stehen dabei konkret Erkrankungen aus der ICD-10-Gruppe F43, vor allem F43.0 – akute Belastungsreaktion und F43.2 – Anpassungsstörungen. 2025 waren diese Diagnosen laut KKH die häufigste psychische Diagnose bei Berufstätigen und insgesamt der dritthäufigste Krankschreibungsgrund, nach Infektionen der oberen Atemwege und Rückenschmerzen. Die KKH weist zudem darauf hin, dass solche Belastungsreaktionen einer depressiven Erkrankung vorausgehen können. KKH

Als Ursachen kommen klassische Belastungen wie hohes Arbeitspensum, Überstunden, finanzielle Sorgen sowie Konflikte mit Kolleginnen, Kollegen oder Führungskräften infrage. Die KKH lenkt den Blick aber zusätzlich auf moderne Arbeitsformen. Laptop, Smartphone, mobiles Arbeiten und flexible Arbeitszeiten ermöglichen zwar mehr Selbstbestimmung, können zugleich jedoch neue psychische Belastungen erzeugen. KKH

„Unsichtbarer Stress der Unklarheit“

KKH-Ärztin Aileen Könitz beschreibt ein Problem, das weniger mit der reinen Arbeitsmenge als mit unklaren Erwartungen und Grenzen zusammenhängt. Wer ständig selbst beantworten muss, wer zuständig ist, was Priorität hat, wann eine Aufgabe ausreichend erledigt ist oder ob nach Feierabend noch Erreichbarkeit erwartet wird, müsse permanent interpretieren und entscheiden.

Fehlen klare Regeln zu Zuständigkeiten, Arbeitszeiten, Kommunikationswegen und Erreichbarkeit, können die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Dadurch fällt es Beschäftigten schwerer, sich nach der Arbeit mental zu distanzieren und tatsächlich zu erholen. Langfristig können Anspannung und Erschöpfung zunehmen. KKH

Flexible Arbeitszeit kann helfen – oder zusätzlich belasten

Besonders interessant ist die sogenannte Arbeitszeitfragmentierung. Gemeint ist, dass der klassische Arbeitstag in mehrere Abschnitte aufgeteilt wird: morgens arbeiten, mittags private Aufgaben erledigen, nachmittags beispielsweise Kinder betreuen und dafür abends nochmals den Laptop öffnen.

Diese Flexibilität kann die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben verbessern. Sie kann aber auch dazu führen, dass sich der Arbeitstag über einen sehr langen Zeitraum erstreckt. Häufige Wechsel zwischen beruflichen und privaten Rollen benötigen zusätzlich Zeit und mentale Energie. Wird Arbeit verstärkt in die Abendstunden verschoben, können außerdem die Ruhezeiten kürzer werden. KKH

Kurzfristig können darunter Konzentration, Leistungsfähigkeit, Schlaf und Wohlbefinden leiden. Langfristig sieht die KKH Risiken für Belastungsreaktionen, chronische Erschöpfung und Burnout. KKH

Care-Arbeit ist keine Erholungspause

Ein wichtiger Aspekt betrifft Beschäftigte, die flexible Arbeitszeiten nutzen, um beispielsweise Kinder zu betreuen oder Angehörige zu versorgen. Die KKH weist darauf hin, dass solche Unterbrechungen zwar private Tätigkeiten sind, aber keine Erholungszeiten im eigentlichen Sinn darstellen.

Deshalb kann eine flexible Arbeitsorganisation nur dann gesundheitlich positiv wirken, wenn gleichzeitig verlässliche Grenzen bestehen. Unternehmen sollten beispielsweise zeitliche Obergrenzen für Arbeitstage, klare Ruhezeiten und Regeln zur Erreichbarkeit festlegen. Führungskräfte können zusätzlich deutlich machen, dass Pausen und arbeitsfreie Zeiten respektiert werden. KKH

Auch Kommunikationsregeln spielen eine Rolle: Nicht jede Nachricht muss jederzeit über jeden Kanal beantwortet werden. Beschäftigte können selbst durch feste Arbeits- und Pausenzeiten, das bewusste Abschalten digitaler Geräte nach Feierabend sowie Bewegung, soziale Kontakte und Entspannung zu einer besseren Abgrenzung beitragen. KKH

Wichtig für die Einordnung der Zahlen

Die Daten bedeuten nicht, dass 119 von 100 Beschäftigten erkrankt sind. Gemessen wurden Kalendertage mit ärztlicher Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung je 100 Versichertenjahre. Ausgewertet wurden pflicht- und freiwillig versicherte KKH-Mitglieder mit Krankengeldanspruch; Arbeitslose und Rentner waren ausgeschlossen. Die Ergebnisse beziehen sich damit auf das KKH-Versichertenkollektiv und sind nicht automatisch repräsentativ für sämtliche Erwerbstätigen in Deutschland. KKH

Ebenso zeigen die Daten zunächst einen Anstieg diagnostizierter und bescheinigter Arbeitsunfähigkeit. Sie beweisen nicht, dass flexible oder digitale Arbeit die Ursache dieses Anstiegs ist. Die Aussagen zu moderner Arbeit und fehlenden Grenzen sind die fachliche Einordnung der KKH-Expertin und keine aus den AU-Daten selbst abgeleitete Kausalitätsanalyse. KKH

Auf den Punkt gebracht: Die Fehltage aufgrund akuter Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen haben sich im KKH-Versichertenkollektiv seit 2017 um fast 80 Prozent erhöht und 2025 einen Höchststand erreicht. Besonders relevant für die Arbeitsgestaltung ist dabei der sogenannte „Stress der Unklarheit“: Flexible Arbeit ist nicht per se belastend, kann aber zum Gesundheitsrisiko werden, wenn Arbeitszeit, Erreichbarkeit, Prioritäten und Verantwortlichkeiten nicht eindeutig geregelt sind und echte Erholungszeiten verloren gehen. Für die betriebliche Prävention bedeutet das: Psychische Gesundheit hängt nicht nur von der Arbeitsmenge ab, sondern wesentlich auch von klaren Strukturen und verlässlichen Grenzen der Arbeit. KKH


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