„Aerobrew“bringt synthetisches Kerosin vom Labor in die Demonstrationsanlage
Das Paul Scherrer Institut (PSI) und das Zürcher Unternehmen Metafuels haben auf dem PSI-Gelände die Demonstrationsanlage „Aerobrew“ in Betrieb genommen. Sie soll zeigen, dass sich ein gemeinsam entwickeltes Methanol-to-Jet-Verfahren nicht nur im Labor, sondern auch in einem praxisnahen Anlagenmaßstab betreiben lässt. Die Anlage wurde am 20. August 2026 eingeweiht und ist auf eine Produktion von 50 Litern Sustainable Aviation Fuel (SAF) pro Tag ausgelegt. cte
Von Wasser und CO₂ zu synthetischem Kerosin
Das Grundprinzip ist ein Power-to-Liquid-Prozess. Als Ausgangsstoffe dienen Wasser, erneuerbarer Strom und Kohlendioxid aus nachhaltigen Quellen. Mit erneuerbarem Strom wird zunächst Wasserstoff erzeugt. Wasserstoff und CO₂ werden anschließend zu grünem Methanol umgesetzt. Dieses Methanol bildet schließlich den Ausgangsstoff für die eigentliche Aerobrew-Technologie, die daraus synthetisches Kerosin erzeugt. cte
Das benötigte CO₂ könnte kurzfristig beispielsweise aus biogenen Quellen wie Holz- oder Pflanzenabfällen stammen. Langfristig ist auch CO₂ vorgesehen, das direkt aus der Atmosphäre abgeschieden wird. Damit kann das Verfahren nach Angaben der Entwickler grundsätzlich ohne fossile Ausgangsstoffe betrieben werden. Paul Scherrer Institute PSI
Wichtig bei der Formulierung „klimaneutral“: Das PSI bezeichnet das angestrebte Produkt so, tatsächlich hängt die Klimabilanz des Kraftstoffs wesentlich davon ab, wie Strom, Wasserstoff und CO₂ erzeugt beziehungsweise bereitgestellt werden. Die Demonstrationsanlage allein beweist also noch keine bestimmte Lebenszyklus-CO₂-Minderung.
Neu ist vor allem die Integration des gesamten Prozesses
Nach Angaben von PSI und Chemie Technik ist Aerobrew die erste Anlage weltweit, die sämtliche Herstellungsschritte für künstlichen Flugkraftstoff aus Methanol an einem Standort beziehungsweise unter einem Dach zusammenführt. Damit geht es nicht nur darum, einen einzelnen Katalysator zu testen, sondern um die Integration der Prozessschritte in ein zusammenhängendes Anlagenkonzept. cte
Genau dieser Übergang vom Labor zur Demonstrationsanlage ist für die spätere Industrialisierung entscheidend. Unter realistischeren Betriebsbedingungen müssen unter anderem Prozessstabilität, Ausbeute, Energiebedarf, Anlagenregelung und Zusammenspiel der einzelnen Verfahrensschritte funktionieren. Das PSI will die Anlage deshalb nutzen, um das Verfahren weiter zu optimieren und die Voraussetzungen für eine kommerzielle Produktion zu schaffen. Paul Scherrer Institute PSI
Höhere Selektivität soll den Prozess effizienter machen
Aerobrew basiert auf einem neuartigen katalytischen Verfahren, das PSI und Metafuels gemeinsam entwickelt und patentiert haben. Nach Angaben der Entwickler erreicht es gegenüber bisherigen SAF-Produktionsverfahren eine höhere Selektivität. Damit ist vereinfacht gemeint, dass ein größerer Anteil der umgesetzten Ausgangsstoffe gezielt in die gewünschten Kohlenwasserstoffe für Flugkraftstoff überführt werden soll. cte
Das ist wirtschaftlich relevant: Synthetische Flugkraftstoffe benötigen große Mengen erneuerbarer Energie. Je höher die Ausbeute des gewünschten Produkts und je weniger unerwünschte Nebenprodukte entstehen, desto effizienter kann die eingesetzte Energie genutzt werden.
Der große Vorteil: bestehende Flugzeuge und Infrastruktur können weiter genutzt werden
Metafuels zielt auf einen sogenannten Drop-in-Kraftstoff. Synthetisches Kerosin soll also mit konventionellem Flugkraftstoff mischbar sein und sich in bestehender Flughafen- und Tankinfrastruktur sowie in heutigen Flugzeugtriebwerken einsetzen lassen. Paul Scherrer Institute PSI
Das unterscheidet SAF beispielsweise von Wasserstoffflugzeugen oder batterieelektrischen Flugkonzepten: Für die breite Nutzung müsste nicht zunächst eine vollkommen neue globale Flugzeug- und Betankungsinfrastruktur aufgebaut werden.
Gerade für die Luftfahrt ist das bedeutsam, weil sich insbesondere Langstreckenflüge wegen des hohen Energiebedarfs deutlich schwerer direkt elektrifizieren lassen als beispielsweise Pkw oder Teile des Schienenverkehrs.
Kommerzielle Anlage ab 2030 geplant
Die Demonstrationsanlage produziert mit 50 Litern pro Tag noch keine industriell relevanten Mengen. Sie ist ausdrücklich die Zwischenstufe zwischen Labor und großtechnischer Produktion.
Metafuels plant, ab 2030 eine erste kommerzielle SAF-Anlage auf Basis der Aerobrew-Technologie zu betreiben. Damit bleibt bis zur tatsächlichen industriellen Skalierung noch ein erheblicher Schritt zu bewältigen. cte
Gerade die Skalierung dürfte entscheidend werden: Technische Machbarkeit allein reicht nicht. SAF muss langfristig auch in großen Mengen verfügbar sein und hinsichtlich Strombedarf, Wasserstoffbereitstellung, CO₂-Quelle und Produktionskosten konkurrenzfähig werden.
Wichtige Entwicklung nach Erscheinen des Artikels: ASTM-Qualifizierung erreicht
Seit Veröffentlichung des Chemie-Technik-Artikels am 26. August 2026 gab es bereits eine relevante Weiterentwicklung: Das PSI meldete am 1. September 2026, dass das zugrunde liegende Methanol-to-Jet-Verfahren das ASTM-Qualifizierungsverfahren nach ASTM D4054 erfolgreich durchlaufen hat und für die Aufnahme in ASTM D7566 zugelassen wurde. Paul Scherrer Institute PSI
Das ist technisch und wirtschaftlich bedeutend. ASTM D7566 ist die international relevante Spezifikation für synthetisch hergestellte Bestandteile von Flugturbinenkraftstoffen. Nach Angaben des PSI können entsprechend hergestellte Methanol-to-Jet-Kraftstoffe damit als Drop-in-Kraftstoffe betrachtet und mit konventionellem Jet Fuel gemischt werden, ohne Flugzeuge oder bestehende Kraftstoffinfrastruktur grundsätzlich umzubauen. Paul Scherrer Institute PSI
Damit hat die Technologie innerhalb weniger Wochen zwei wesentliche Entwicklungsschritte erreicht: Demonstration im praxisnahen Anlagenmaßstab und regulatorisch-technische Qualifizierung des Kraftstoffpfades.
Aus HSSEQ-Sicht interessant: neue Prozessketten statt nur neuer Kraftstoff
Das Projekt ist auch aus Anlagen- und Prozesssicherheitsperspektive interessant. Eine industrielle PtL-Anlage verbindet künftig mehrere anspruchsvolle Prozessschritte: Elektrolyse und Wasserstoff, CO₂-Aufbereitung, Methanolsynthese, katalytische Umwandlung und Kraftstoffaufbereitung.
Die eigentliche Transformation betrifft deshalb nicht nur die Klimabilanz des Endprodukts. Sie schafft neue Anforderungen an Anlagensicherheit, Explosionsschutz, Gefahrstoffmanagement, Prozessführung, Instandhaltung und Qualitätssicherung. Diese Aspekte stehen allerdings nicht im Mittelpunkt des verlinkten Chemie-Technik-Beitrags; sie ergeben sich aus der späteren industriellen Umsetzung solcher Prozessketten.
Auf den Punkt gebracht: Mit Aerobrew wollen PSI und Metafuels zeigen, dass sich synthetisches Flugkerosin aus erneuerbarem Strom, Wasser und nachhaltig gewonnenem CO₂ über grünes Methanol in einem integrierten Prozess herstellen lässt. Die Demonstrationsanlage produziert zunächst 50 Liter SAF pro Tag und soll den Schritt vom Labor zur industriellen Produktion vorbereiten; die erste kommerzielle Anlage ist für 2030 geplant. Besonders relevant ist die inzwischen erreichte ASTM-Qualifizierung des Methanol-to-Jet-Pfades: Damit rückt ein Kraftstoff näher an den praktischen Einsatz, der bestehende Flugzeuge und Tankinfrastruktur nutzen kann. Der entscheidende nächste Schritt ist nun weniger der chemische Machbarkeitsnachweis als die wirtschaftliche und energetische Skalierung auf industrielle Mengen. cte
